Insekten zu essen – für viele Europäer immer noch eine gruselige Vorstellung. Heuschrecken, Mehlwürmer und Co. rufen bei vielen Menschen hierzulande immer noch eher Ekel als Appetit hervor. Dabei gehören Insekten für fast ein Drittel der Weltbevölkerung ganz selbstverständlich auf den Teller: In Asien, Afrika und Lateinamerika stehen bis zu 2.000 verschiedene Arten der Krabbeltiere auf dem Speiseplan. Angesichts der klimatischen Auswirkungen der industriellen Fleischproduktion und der Suche nach alternativen Proteinquellen empfehlen Experten, dass auch die Bewohner westlicher Länder ihre Scheu überwinden und sich dem Verzehr von Insekten öffnen. Hilfestellung, Rezepte und viele interessante Informationen bietet das Buch ‚Grillen, Heuschrecken & Co‘ von Christian Bärtsch und Adrian Kessler. 

Farbenfroh und extra-knusprig: Die Udon-Pfanne mit gerösteten Heuschrecken lässt echtes Asien-Feeling aufkommen. Foto: © Oliver Brachat, AT Verlag

Zugegeben: Auf den ersten Blick läuft einem beim Griff zu dem im AT Verlag erschienenen Buch nicht gerade das Wasser im Mund zusammen. Heuschrecken am Spieß in Teriyaki-Sauce – für europäische Gemüter nur bedingt appetitlich. Dennoch sollte man das Werk von Christian Bärtsch, Produzent von Lebensmitteln mit Insektenbestandteilen, und Adrian Kessler, Koch, nicht gleich wieder weglegen. Denn die beiden Autoren liefern neben Rezepten auch viel Wissenswertes und zahlreiche gute Gründe, es einmal mit dem Genuss der Sechsbeiner zu versuchen. Unterstützt werden sie dabei von sieben renommierten Fachleuten wie Food-Trend-Forscherin Hanni Rützler, Gastro-Experte Jürgen Dollase und Food-Historiker Dominik Flammer.

So verweisen Kessler und Bärtsch beispielsweise darauf, dass Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen deutlich aufgeschlossener reagieren, wenn man ihnen Insekten serviert. „Der Ekel wird uns anerzogen“, sind die beiden Autoren überzeugt.

Gute Argumente für Insekten

Schlagendstes Argument für Insekten auf dem Teller ist den Unternehmern zufolge jedoch die wachsende Weltbevölkerung, die mit Proteinen versorgt werden muss. „Nach heutigen Szenarien wird die Nachfrage nach tierischen Produkten das Angebot in absehbarer Zeit übersteigen. Nahrungsmittel für Menschen stehen zunehmend in Konkurrenz zu Futtermitteln für die Herstellung von Fleisch.“ In der Folge sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais nicht mehr für alle bezahlbar. „Wir finden: Es braucht bessere Lösungen“, heißt es im Vorwort.

Vernünftige Gründe, aber wie lassen sich die Europäer vom Genussfaktor der Insekten überzeugen? Einer soeben vom Vegan-Hersteller Veganz veröffentlichte Studie zufolge, kann sich fast jeder Zweite vorstellen, Grillen & Co. zu sich zu nehmen – bei den Veganern, die den Verzehr von Tieren ablehnen, ist die Quote allerdings – wenig überraschend – deutlich schlechter. Doch auch in dieser Zielgruppe würde immerhin jeder Vierte bei dieser Fleischalternative zugreifen!

Übermorgen-Burger bei Hans im Glück

Die Aufgeschlossenheit unter ‚Omnivoren‘ ist also möglicherweise größer als von vielen gedacht. Dafür spricht auch der Erfolg der in den vergangenen Monaten, unter anderem auf der Internorga eingeführten Burger mit einem Anteil Insektenmehl. Soeben hat Deutschlands größte Better-Burger-Kette Hans im Glück bekannt gegeben, die erfolgreiche Testphase ihres Insektenburgers ‚Übermorgen‘ als Aktion in mehr als 60 Restaurants zu wiederholen.

Rechtslage Insekten als Lebensmittel

Die Herstellung von Lebensmitteln aus Insekten ist seit dem 1. Januar 2018 die Novel Food-Verordnung (EU) 2015/2283 geregelt. Anträge für die Zulassung müssen direkt bei der Europäischen Kommission eingereicht werden. Wenn belegt werden kann, dass das Lebensmittel in einem Drittstaat seit mindestens 25 Jahren verzehrt wurde und keinerlei Sicherheitsbedenken aufgetreten sind, kann auch auf das neue Anzeigeverfahren für traditionelle Lebensmittel aus einem Drittstaat zurückgegriffen werden, um eine Zulassung für den europäischen Lebensmittelmarkt für Lebensmittel aus bestimmten Insektenarten zu erhalten. 

In der Schweiz sind drei Insektenarten (Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken) schon seit 2017 als Lebensmittel zugelassen. Vor allem in Städten verkaufen sich Produkte aus Insekten gut.

„Die Vorurteile des christlichen Europas gegenüber Insekten dürften (…) in überlieferten unheilvollen Geschichten, in aus vorchristlicher Zeit nachwirkenden Ernährungstabus und in einem zwiespältigen Verhältnis der euroäpäischen Hirtenvölker gegenüber der Erde und ihren krabbelnden Lebewesen liegen“, schreibt Dominik Flammer in ‚Grillen, Heuschrecken & Co.‘. Zeit also, alte Zöpfe abzuschneiden? „Auf jeden Fall“, findet Jürg Grunder, Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Leiter einer Forschungsgruppe zum biologischen Pflanzenschutz. „Die Züchtung von Insekten wird in naher Zukunft eine massive Entwicklung erleben. Dabei geht es nicht nur um die Herstellung von neuartigen Lebensmitteln, sondern auch um die Zucht und Vermehrung ausgewählter Insektenarten, die neuartige Inhaltsstoffe produzieren.“

Vertrauen braucht Transparenz

Zum Beispiel könnten die hunderten Tonnen Bienenmaden, die beim sogenannten Drohnenschnitt vom Imker aus dem Bienenstock geschnitten und vernichtet werden, so sinnvoll genutzt werden. „Um das Vertrauen in Insekten als Lebensmittel zu stärken, ist aber eine transparente und umfassende Information der Konsumenten zentral“, betont der Wissenschaftler.  

In Europa werden nach Ansicht von Bärtsch und Kessler in Zukunft vor allem vier Insektenarten als Lebensmittel eine Rolle spielen: Heuschrecken, Grillen, Mehl- und Buffalo-Würmer. Die Rezepte dazu liefern sie in ihrem Buch gleich mit, zum Beispiel Orientalischer Gersten-Grillen-Eintopf, Chili con Buffalo und Udon-Nudelpfanne mit gerösteten Heuschrecken.  

Insekten sind gut fürs Geschäft

Verkauft werden Insekten in Europa meist gefroren oder gefriergetrocknet. Erste Supermärkte haben bereits Spezialregale eingerichtet. Wer lebende Tiere verarbeiten will, hat in Zoohandlungen momentan die größten Chancen. Achtung: nachfragen, ob bei der Zucht Antibiotika eingesetzt wurden!  Zubereiten lassen sie sich auf vielfältige Weise: Durch Rösten, Frittieren, Dünsten, Sautieren oder auf dem Grill. 

Proteinreiche Naschereien: Schoko-Mehlwurm-Rochers. © Oliver Brachat, AT Verlag

Paul Vantomme, bis 2016 verantwortlich für das Insektenprogramm der FAO, vergleicht den Nährwert von Insekten mit Crevetten: „Sie bieten qualitativ hochwertiges Protein, Fette, Naturfasern, Vitamine und Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Selen und Zink. Sie weisen außerdem ein niedrige Risiko zur Übertragung von Krankheiten wie etwa Vogelgrippe oder Creutzfeldt-Jakob auf.“ Nicht zuletzt seien Insekten gut für das Geschäft: „Sie können günstig geerntet oder gezüchtet werden und lassen sich leicht zu Nahrungs- und Futtermitteln verarbeiten. Wenn im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen sowie eine Milliarde Zuchttiere ernährt werden müssen, ist die Insektenzucht in Betracht zu ziehen.“

Der „Übermorgen“-Burger von Hans im Glück stammt vom Hersteller Bugfoundation, einem der Pioniere insektenhaltiger Lebensmittel in Deutschland. Das Patty aus Buffalowürmern und Soja wird serviert mit veganer Soße, Salat, Tomaten, Zwiebeln und Kräutern. Als Topping harmoniert Grillgemüsetartar besonders gut mit dem Insektenpatty. Foto: Hans im Glück

Längst verstanden haben das Potenzial von Insekten bereits einige Gourmetköche. Sieben von ihnen haben Rezepte zu Grillen, Heuschrecken und Co. beigesteuert. Und Nussbutter-Mehlwurm-Eiscreme mit Erdbeerleder aus der Hand von Elif Coskan (Miss Marshall, Zürich), Insekten-Tortilla mit Wildkräutern und Blumen von Tobias Emmenegger und Marcelo Drovandi (Restaurant Josef, Zürich) und Kohlrabi mit Sandelholz, Grillen und Kartoffeln aus der Küche von Valentin Diem (valefritz, Zürich) sind so aufregend und appetitlich, dass auch bei Europäern der Widerstand gegen den Insektenverzehr bald dahinschmelzen dürfte.   

Grillen, Heuschrecken & Co.

In rund 50 Rezepten zeigt das Buch Grillen, Heuschrecken &b Co. von Christian Bärtsch und Adrian Kessler die vielfältigen Zubereitungsmöglichkeiten von Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmern auf, von knusprigen Snacks über vielfältige Alltagsgerichte, süße Variationen mit Schokolade und Karamell bis zu aufwendigeren Kreationen. Darüber hinaus liefern sieben rennomierte Experten spannende Hintergrundinformationen rund um den Verzehr der Sechsbeiner.

160 Seiten, über 60 Farbfotos, gebunden

ISBN 978-3-03800-923-8

www.at-verlag.ch